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„Handwerk ist kein Sprint, sondern ein Marathon“: Bestseller-Autorin Nadine Habermann über neue Preisstrategien und Female Empowerment

Nadine Habermann im Interview mit COIFFO

Foto: Nadine Habermann

Sie ist Friseurmeisterin, internationale Speakerin und gibt der Branche mit ihrem Buch „Die Föhntherapie“ eine völlig neue, selbstbewusste Stimme. Nadine Habermann kämpft für mehr Wertschätzung, radikale Transparenz bei der Preisgestaltung und ermutigt Frauen dazu, den eigenen Wert endlich sichtbar zu machen. In der Premierenausgabe von COIFFO spricht die Branchen-Vordenkerin über das Ende der klassischen Preisliste, die Macht der Spezialisierung und das veraltete gesellschaftliche Bild des Handwerks.

COIFFO: Nadine, in deinem Buch „Die Föhntherapie“ beschreibst du Friseur:innen als wahre Mutmacher:innen und Lebensbegleiter:innen. Warum fällt es der Branche oft noch so schwer, diesen emotionalen und handwerklichen Wert auch selbstbewusst nach außen zu kommunizieren?

Nadine Habermann: Ich glaube, dass Friseur:innen oft sehr kreative und emotionale Menschen sind. Viele von uns haben ein starkes Bedürfnis, Menschen glücklich zu machen und positiv wahrgenommen zu werden. Genau deshalb fällt es vielen schwer, sich klar zu positionieren oder höhere Preise selbstbewusst zu kommunizieren. Denn Sichtbarkeit bringt immer auch Kritik mit sich – und nicht jede:r versteht die emotionale, körperliche und handwerkliche Leistung hinter unserem Beruf.

Gerade meine Generation hat noch viele alte Glaubenssätze übernommen: Dass Friseur:innen möglichst günstig sein müssen, man sich von morgens bis abends „abrackern“ muss und wirtschaftlicher Erfolg nur über Masse funktioniert. Früher lag der Fokus fast ausschließlich auf Technik – und viel weniger auf Unternehmertum, Preisstrategie oder Kommunikation. Genau darin liegt meiner Meinung nach eines der größten Probleme unserer Branche.

COIFFO: Viele Beauty-Unternehmer:innen scheuen sich davor, ihre Preise dem eigenen Wert anzupassen. Was ist aus deiner Erfahrung der größte Fehler, wenn es um Preisstrategie und den Umgang mit Kunden-Reklamationen geht?

Nadine Habermann: Der größte Fehler bei der Preisgestaltung ist, sich an anderen Salons oder am eigenen Bauchgefühl zu orientieren, statt messbar und betriebswirtschaftlich zu kalkulieren. Ich selbst habe mein Konzept deshalb komplett umgestellt und arbeite heute mit Stundenlohn plus Materialaufwand statt mit klassischen Dienstleistungspreisen.

Da ich spezialisiert im Eins-zu-eins-System arbeite, ist der Platz während der gesamten Aufenthaltsdauer exklusiv für die Kundin reserviert. Genau deshalb halte ich diese Kalkulation für deutlich transparenter und sinnvoller – sowohl für mich als Unternehmerin als auch für die Kund:innen. Sie verstehen viel besser, dass nicht nur die Technik bezahlt wird, sondern die komplette reservierte Zeit, Beratung, Betreuung und Expertise. Gleichzeitig fallen viele Preisdiskussionen weg.

„Der größte Fehler ist, sich am eigenen Bauchgefühl zu orientieren, statt betriebswirtschaftlich zu kalkulieren. Wer professionell kommuniziert, macht aus Reklamationen besonders loyale Kund:innen.“

Genauso wichtig finde ich professionelle Kommunikation. Viele Probleme entstehen nicht wegen schlechter Arbeit, sondern wegen fehlender Beratung. Eine ehrliche, fachlich sichere Beratung ist für mich oft wichtiger als die eigentliche Technik. Auch im Umgang mit Reklamationen braucht unsere Branche ein Umdenken. Viele empfinden Kritik sofort als persönlichen Angriff, obwohl Reklamationen eine riesige Chance sein können, Vertrauen aufzubauen. Wer professionell kommuniziert und Menschen ernst nimmt, gewinnt oft gerade dadurch besonders loyale Kund:innen.

COIFFO: Dein Buch ist nicht nur ein Fachbuch, sondern auch ein starkes Statement für Female Empowerment. Welchen Rat gibst du einer jungen Salon-Gründerin, die sich heute völlig neu und modern aufstellen möchte?

Nadine Habermann: Generell glaube ich, dass sich unsere Branche viel stärker spezialisieren muss. Wer heute erfolgreich sein möchte, sollte nicht versuchen, „alles für jeden“ anzubieten. Ich würde jeder jungen Gründerin empfehlen, sich auf ein oder zwei Kerndienstleistungen zu fokussieren und darin echte Expertise aufzubauen. Das schafft nicht nur eine klarere Positionierung und eine höhere Wertigkeit, sondern spart auch enorme Kosten bei der Weiterbildung, der Lagerhaltung und beim Wareneinsatz.

Female Empowerment bedeutet für mich deshalb auch, Frauen aktiv zu ermutigen, sichtbar zu werden, klare Preise zu kommunizieren und kompromisslos ihren eigenen Weg zu gehen – statt sich ständig mit anderen zu vergleichen oder sich unter Wert zu verkaufen.

COIFFO: Wenn du dir mit Blick auf die Zukunft eine Sache wünschen könntest – wie soll sich die Wahrnehmung des Friseurhandwerks in den nächsten 5 Jahren verändern?

Nadine Habermann: Ich wünsche mir vor allem mehr Wertschätzung für handwerkliche und soziale Berufe. Das eigentliche Problem ist meiner Meinung nach nicht der sogenannte Fachkräftemangel, sondern ein eklatanter Mangel an Respekt und Anerkennung für Berufe, die unsere Gesellschaft täglich am Laufen halten.

Akademische Berufe genießen oft deutlich mehr gesellschaftliche Anerkennung als Handwerksberufe – und genau das spüren junge Menschen natürlich bei ihrer Berufswahl. Wir müssen wegkommen von diesem alten Denken: „Wenn du nichts wirst, wirst du Friseur.“ Unser Beruf ist fachlich, körperlich und emotional extrem anspruchsvoll – und genau so sollte er auch wahrgenommen und bezahlt werden.

„Wir müssen wegkommen von dem Denken: ‚Wenn du nichts wirst, wirst du Friseur.‘ Handwerk ist kein Sprint, sondern ein Marathon.“

Denn Handwerk ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Ja, man kommt manchmal müde nach Hause. Aber wenn man bereit ist, langfristig an sich zu arbeiten, kann dieser Beruf unglaublich erfüllend, kreativ und auch wirtschaftlich hochgradig erfolgreich sein.

Info der Redaktion: Über all diese drängenden Themen schreibt Nadine Habermann ausführlich in ihrem Buch „Die Föhntherapie“ und spricht in ihrem gleichnamigen Podcast immer wieder über aktuelle Herausforderungen, moderne Preisstrategien und die Zukunft der Branche.