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Weg von Schema F: Warum Jelena Werren für ein neues Denken am Stuhl kämpft

Jelena Werren im Interview

Foto: Migel / migelsphotography.de

In der Friseurbranche wird viel über Techniken, Trends und perfekte Rezepturen gesprochen. Doch die eigentliche Basis für langfristigen Erfolg liegt tiefer: im echten Verständnis für das Material Haar und im Mut zur kreativen Freiheit. Coach und Bühnen-Akteurin Jelena Werren räumt in der Launch-Ausgabe von COIFFO mit veralteten Lehrmethoden auf, bricht eine Lanze für die junge Generation und erklärt, warum soziale Medien echte Weiterbildung niemals ersetzen können.

Wer eine Schulung oder eine Show von Jelena Werren besucht, sucht vergeblich nach starren Rezepten oder dogmatischen Schritt-für-Schritt-Anleitungen. Für sie krankt die klassische Ausbildung oft an einem entscheidenden Punkt: „Ich finde nicht, dass uns alles falsch beigebracht wird. Aber uns wird oft beigebracht, Regeln auswendig zu lernen, statt Haare wirklich zu verstehen.“

In ihren Coachings geht es daher konsequent um das Warum hinter jeder Bewegung. Warum fällt ein Haar in genau diese Richtung? Wie und wo entsteht Volumen? Warum funktioniert eine bestimmte Technik bei der einen Haarstruktur perfekt, während sie bei einer anderen völlig versagt? Für Jelena ist klar: Wer die biologischen und physikalischen Zusammenhänge einmal verstanden hat, wird auf einen Schlag frei und kreativ. Man bricht aus dem Korsett von „Schema F“ aus, entwickelt einen unverkennbaren eigenen Stil und ist plötzlich in der Lage, jeden Haarschnitt der Welt individuell zu entschlüsseln und handwerklich exzellent umzusetzen.

Der Drei-Reels-Mythos: Warum Social Media keine Meisterschaft ersetzt

Im Zeitalter von Instagram und TikTok hat sich auch die Weiterbildung visuell stark verändert. Doch Jelena zieht hier eine ganz klare Grenze zwischen digitaler Inspiration und realem Können.

„Wenn Social Media reichen würde, wären wir nach drei Reels alle Weltmeister“, stellt sie mit einem Augenzwinkern fest.

Für sie haben die Plattformen eine berechtigte und wichtige Aufgabe: Sie erweitern Horizonte. Sie zeigen der Branche, was global möglich ist, wecken die Neugierde und kitzeln Stylisten aus ihrer alltäglichen Komfortzone heraus. Ein kurzes Video kann den Funken sprühen lassen und Interesse wecken – doch die echte Transformation der eigenen Fähigkeiten passiert erst in der intensiven, praxisnahen Schulung. Social Media ist der Appetitmacher, aber die handwerkliche Entwicklung beginnt dort, wo Theorie auf echtes Erleben trifft.

Fehler als Währung für Wachstum: Die Angst im Keim ersticken

Eines der größten Hindernisse auf dem Weg zu echtem Selbstbewusstsein im Beruf ist laut Jelena die tief sitzende Angst, etwas falsch zu machen. Ein Verhaltensmuster, das vielen Menschen oft schon von klein auf antrainiert wird.

Jelena bricht dieses Tabu in ihren Coachings ganz bewusst auf: Sie vermittelt ihren Teilnehmern, dass Fehler kein Zeichen von Schwäche sind, sondern der sichtbare Beweis für Mut, Innovationsgeist und gesunde Neugierde. Die größten Entwicklungsschritte im Handwerk entstehen schließlich genau dann, wenn man sich auf unbekanntes Terrain wagt. Ihr Credo auf den Bühnen lautet daher: Es gibt im Friseurberuf fast nichts, was man handwerklich nicht wieder korrigieren oder ausgleichen kann. Aber verpasste Chancen lassen sich im Nachhinein nicht mehr nachschneiden. Nimmt man den Stylisten die Angst vor dem Scheitern, wachsen die Kreativität und das unternehmerische Selbstbewusstsein fast von allein.

Ausbildung neu denken: Vertrauen ab Tag eins

Wenn in der Branche über Nachwuchsprobleme diskutiert wird, fällt oft schnell das Urteil, die „junge Generation“ sei schlichtweg nicht mehr leistungsbereit. Jelena Werren widerspricht dieser These vehement. Für sie liegt das Problem nicht bei den Jugendlichen, sondern bei einem Ausbildungssystem, das in weiten Teilen schlichtweg nicht mehr zeitgemäß ist.

In ihrem eigenen Salon lebt sie deshalb ein radikal anderes Modell vor: Ihre Auszubildenden stehen vom allerersten Tag an direkt mit am Kunden. Sie schauen nicht monatelang nur zu, sondern sammeln sofort echte, praxisnahe Erfahrungen und übernehmen Schritt für Schritt messbare Verantwortung. Das erklärte Ziel: Im dritten Lehrjahr sollen die angehenden Fachkräfte nicht mehr bloß assistieren, sondern bereits vollkommen eigenständig denken und im Sinne des Salons handeln können.

Für Jelena ist diese Kehrtwende alternativlos, wenn das Friseurhandwerk langfristig attraktiv und gesellschaftlich wertig bleiben soll. Man muss jungen Talenten früher echtes Vertrauen schenken, sie individuell fördern und sie zu selbstbewussten Fachkräften heranziehen. Nur wer von Anfang an lernt, was die eigene Leistung wert ist, wird sich nach der Ausbildung auf dem Markt nicht unter Wert verkaufen müssen.