Während das deutsche Friseurhandwerk mit einem Ausbildungs-Plus von 12,6 % ein historisches Comeback feiert, herrscht in den Chefetagen der Verbände lähmende Angst vor der eigenen Courage. Die Reaktion auf den Erfolg der Basis? Bürokratischer Defätismus. Damit ist jetzt Schluss. Die wirtschaftliche Elite der Branche bricht das Schweigen und kündigt die Gefolgschaft. Top-Unternehmer Giuseppe Genovese vollzieht im exklusiven COIFFO-Interview die längst überfällige Hinrichtung eines verkrusteten Apparats, der vom Schutzschild zum existenziellen Ballast verkommen ist.
COIFFO: Giuseppe, die Kluft zwischen den Beitragszahlern an der Basis und den Funktionären in den Verbandszentralen war nie größer. Wo genau hat die Innung aus deiner Sicht den Anschluss an die Realität verpasst?
Giuseppe Genovese: „Das größte Problem ist, dass viele Strukturen einfach nicht mehr in die heutige Zeit passen. Unsere Branche hat sich extrem verändert, Mitarbeiter haben andere Erwartungen, Kunden ebenso und auch die Art, wie Unternehmen geführt werden, ist eine völlig andere als noch vor 20 Jahren. Ich wünsche mir weniger Verwaltung und mehr Unternehmertum. Die Innungen sollten nicht nur verwalten, sondern inspirieren, unterstützen und Innovationen vorantreiben.“
COIFFO: Wir erleben aktuell ein bizarres Paradoxon: Die Basis liefert Rekordzahlen bei den Azubis, doch die Verbandsspitze warnt lieber vor Kosten und „volatilen Risiken“, statt den Aufschwung als solchen zu markieren. Ist diese chronische „ZV-Krankheit“ nicht schon aktive Sabotage am Image eures Berufsstandes?
Giuseppe Genovese: „Ich freue mich über jede positive Entwicklung bei den Ausbildungszahlen. Genau solche Nachrichten brauchen wir, denn sie motivieren junge Menschen und Betriebe gleichermaßen. Wenn dagegen überwiegend über steigende Kosten gesprochen wird, entsteht schnell der Eindruck, unsere Branche hätte keine Zukunft. Das erschwert die Mitarbeitergewinnung unnötig. Junge Menschen wollen Teil einer Branche sein, die Selbstbewusstsein ausstrahlt und Chancen bietet, nicht einer, die sich ständig nur mit Problemen beschäftigt.“
COIFFO: Moderne Premium-Salons sind heute hochkomplexe Wirtschaftsunternehmen, die KI, Digitalisierung und High-End-Marketing jonglieren müssen. Wenn du auf das Angebot der traditionellen Innungen blickst: Findet dort überhaupt noch zeitgemäße Kompetenz statt, oder verwaltet man nur die eigene Irrelevanz?
Giuseppe Genovese: „Ich würde mir deutlich mehr Unterstützung in den Themen wünschen, die heute wirklich über Erfolg oder Misserfolg entscheiden: Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Social Media, Mitarbeitergewinnung, Mitarbeiterbindung, Unternehmensführung und modernes Marketing. Viele Saloninhaber sind hervorragende Friseure, aber Unternehmer wird man nicht automatisch. Genau dort könnte eine moderne Innung einen riesigen Mehrwert schaffen.“
COIFFO: Der Verband predigt seit Jahrzehnten dieselben faden Durchhalteparolen. Du hingegen verzeichnest in deinem Salon massives Wachstum und ziehst Talente an. Wie sieht die gelebte Realität abseits der verstaubten Verbandsprosa aus?
Giuseppe Genovese: „Bei uns geht es längst nicht mehr nur um Gehalt oder einen Obstkorb. Wir investieren in moderne Arbeitsplätze, hochwertige Weiterbildung, echte Karriereperspektiven und ein starkes Teamgefühl. Unsere Mitarbeiter arbeiten mit modernster Technik, begleiten uns auf Fashion Weeks, entwickeln sich fachlich permanent weiter und können Verantwortung übernehmen. Junge Menschen möchten gesehen werden, mitgestalten und stolz auf ihren Arbeitsplatz sein. Genau das versuchen wir jeden Tag vorzuleben.“
COIFFO: Die Kölner Verbandsspitze und die Landesinnungen beobachten den aktuellen COIFFO-Diskurs im Minutentakt, verweigern aber bisher jede offizielle Stellungnahme. Welche ungemütliche Wahrheit müssen die Funktionäre jetzt zwingend schlucken?
Giuseppe Genovese: „Ich wünsche mir, dass der Zentralverband und die Innungen den Blick stärker nach vorne richten und gleichzeitig eines der größten Probleme unserer Branche entschlossener angehen: den unfairen Wettbewerb.
Es kann nicht sein, dass Unternehmer, die ihre Mitarbeiter ordnungsgemäß anmelden, Tarif- und Sozialabgaben zahlen, in Weiterbildung investieren und ihre Betriebe sauber führen, am Ende gegen Anbieter konkurrieren müssen, bei denen immer wieder der Verdacht auf Schwarzarbeit, Sozialversicherungsbetrug oder andere Verstöße im Raum steht. Ich unterstelle das ausdrücklich nicht jedem Barber- oder Friseurbetrieb – es gibt viele, die hervorragende und ehrliche Arbeit leisten. Aber wir alle wissen, dass es Fälle gibt, die den fairen Wettbewerb massiv verzerren.
Ich höre immer wieder – auch von Menschen aus Behörden wie Zoll oder Polizei –, dass kontrolliert wird. Trotzdem entsteht bei vielen Unternehmern der Eindruck, dass die Konsequenzen oft ausbleiben oder nicht ausreichen. Genau hier wünsche ich mir mehr Einsatz. Es sollte bereits bei der Gründung genauer hingeschaut werden: Sind die Voraussetzungen erfüllt? Werden gesetzliche Vorgaben eingehalten? Werden Arbeitnehmer korrekt beschäftigt? Fairness muss für alle gelten – unabhängig davon, welches Geschäftsmodell jemand verfolgt.
Ich investiere jedes Jahr sehr viel Geld in meine Mitarbeiter, zahle sämtliche Sozialabgaben, bilde aus und übernehme Verantwortung. Das mache ich gerne. Aber ich erwarte im Gegenzug auch gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle. Die Aufgabe von Handwerkskammern, Innungen und dem Zentralverband sollte es sein, sich noch stärker für genau diese Fairness einzusetzen. Denn nur wenn für alle dieselben Regeln gelten, kann unser Handwerk langfristig gesund wachsen und attraktiv bleiben.“








