Die Austrittswelle der Salon-Elite erreicht die nächste Eskalationsstufe. Nach den schweren Vorwürfen von Top-Unternehmer Giuseppe Genovese bricht nun die nächste prominente Stimme das Schweigen. Ayhan Saglam, erfolgreiche Friseurunternehmerin und TV-Protagonistin, hat der Innung endgültig den Rücken gekehrt. Im exklusiven COIFFO-Interview spricht sie schonungslos über Stigmatisierung in Krisenzeiten, den Verlust der Realität in den Verbandsspitzen und einen fragwürdigen Rauswurf aus dem Prüfungsausschuss. Ein Protokoll der systematischen Entfremdung.
COIFFO: Ayhan, du stehst als TV-Protagonistin und extrem erfolgreiche Unternehmerin massiv im Rampenlicht. Du bist aus der Innung ausgetreten. Was war der konkrete Auslöser, der dich zu diesem finalen Schritt gebracht hat?
Ayhan Saglam: „Ich bin damals in die Innung eingetreten, weil mir gesagt wurde: Das ist der Arbeitgeberverband. Dort werden die Interessen der Unternehmer vertreten. Genau das habe ich gesucht. Die Realität war aber eine andere. Gefühlt drehte sich fast alles um Auszubildende. Versteht mich nicht falsch: Ich bilde selbst seit Jahren aus, aktuell sogar drei Auszubildende. Ich finde Ausbildung extrem wichtig. Aber wenn man die Arbeitgeber vergisst, braucht man sich irgendwann nicht zu wundern, dass immer weniger Betriebe überhaupt noch ausbilden wollen. Erst müssen die Betriebe wirtschaftlich überleben, dann können sie auch Verantwortung übernehmen. Für mich wurde irgendwann klar: Von meinen Beiträgen wurde zwar gesprochen, aber meine Probleme als Unternehmerin wurden nicht gelöst.“
COIFFO: Gab es einen spezifischen Moment, in dem dir endgültig klar wurde, dass dieses System für dich als moderne Unternehmerin nicht mehr funktioniert?
Ayhan Saglam: „Corona war für mich der Wendepunkt. Ich habe nie behauptet, dass es das Virus nicht gibt. Ich habe nur eine einfache Frage gestellt: Wie sollen wir Unternehmer das wirtschaftlich überleben? Statt über Lösungen zu sprechen, wurden Menschen sofort in Schubladen gesteckt. Ich wurde als Verschwörungstheoretikerin abgestempelt, obwohl ich lediglich dafür plädiert habe, einen Weg zu finden, wie Betriebe weiter existieren können. Ich war alleinerziehende Mutter von drei Kindern und hatte einen Salon mit Mitarbeitern. Für mich war das keine politische Diskussion , das war meine blanke Existenz. Genau in solchen Krisen hätte ich mir einen Arbeitgeberverband gewünscht, der für seine Unternehmer kämpft. Dieses Gefühl hatte ich leider nicht.“
COIFFO: Durch deine Präsenz in den Medien weißt du genau, wie echtes Unternehmertum heute funktioniert. Wenn du das mit der Arbeit der Innungen vergleichst – leben die Funktionäre an der Spitze in einer anderen Realität als die Unternehmer an der Basis?
Ayhan Saglam: „Ich glaube, viele Funktionäre haben den Bezug zum Alltag moderner Salonunternehmer schlichtweg verloren. Heute kämpfen wir mit Fachkräftemangel, explodierenden Kosten, Bürokratie und Digitalisierung. Gleichzeitig wird über Themen diskutiert, die an den eigentlichen Problemen vieler Betriebe völlig vorbeigehen. Unternehmer brauchen keine Sonntagsreden. Sie brauchen jemanden, der sich politisch für bessere Rahmenbedingungen einsetzt und ihnen den Rücken stärkt.“
COIFFO: Viele deiner Kollegen äußern hinter vorgehaltener Hand massiven Frust, scheuen aber den Austritt. Woher kommt diese tiefe Resignation in der Branche?
Ayhan Saglam: „Weil viele jahrelang Beiträge zahlen und irgendwann merken, dass sie für ihre größten Probleme kaum Unterstützung bekommen. Die Kosten steigen immer weiter. Allein die Gebühren rund um Ausbildung und die überbetrieblichen Lehrgänge sind für viele Betriebe kaum noch zu stemmen. Ich bilde trotzdem aus, weil ich daran glaube. Aber ich kenne viele Kollegen, die sagen: ‚Ich kann und will mir das nicht mehr leisten.‘ Wenn immer weniger Betriebe ausbilden, sollte man sich vielleicht fragen, warum – und nicht nur darüber sprechen, wie wichtig Ausbildung ist.“
COIFFO: Ein besonders brisantes Thema ist dein unfreiwilliger Abschied aus dem Prüfungsausschuss. Was genau ist dort hinter verschlossenen Türen passiert?
Ayhan Saglam: „Dieses Thema hat mich besonders enttäuscht. Ich habe diese Aufgabe viele Jahre mit Leidenschaft gemacht, weil mir die Arbeit mit jungen Menschen unglaublich viel Freude bereitet. Als ich mich erneut engagieren wollte, wurde mir deutlich signalisiert, dass meine fehlende Innungsmitgliedschaft ein Problem sei. Mir wurde sogar mehrfach nahegelegt, wieder einzutreten. Für mich sollte so ein Ehrenamt aber von Kompetenz und Engagement abhängen und nicht davon, ob jemand Mitglied in einer Organisation ist. Am Ende bekam ich die Begründung, ich sei ‚zu alt‘. Das konnte ich nur schwer nachvollziehen, weil andere Prüfer deutlich älter waren. Für mich blieb der Eindruck zurück, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wurde.“
COIFFO: Dein Austritt und deine offenen Worte sind ein lautes Signal an die Branche. Was ist deine Botschaft an all die Saloninhaber da draußen, die das System aktuell hinterfragen?
Ayhan Saglam: „Ich möchte niemanden zum Austritt überreden. Ich wünsche mir nur, dass jeder Unternehmer ehrlich prüft, ob er für seinen Beitrag auch den Gegenwert bekommt. Ein Arbeitgeberverband muss zuerst die Arbeitgeber stark machen. Kritik sollte nicht bestraft werden. Sie sollte gehört werden. Nur so entwickelt sich eine Branche weiter.“
„Man kann nicht ständig über Ausbildung reden und gleichzeitig die Unternehmer vergessen. Denn ohne gesunde Betriebe gibt es irgendwann auch keine Ausbildungsplätze mehr.“ (Ayhan Saglam)



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