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Andreas Sebastian Ehrle: GEGENWIND AUS DEN EIGENEN REIHEN

Andreas Sebastian Ehrle: Debatte um ZV und Innung

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Obermeister Andreas Sebastian Ehrle im Gespräch: „Wer die Innung abschreiben will, muss die Frage beantworten: Wer übernimmt morgen eigentlich die Verantwortung?“

Die Debatte um die Zukunft des Friseurhandwerks kocht hoch. Nach scharfer Kritik von Branchen-Insidern und Austritten aus den Verbänden bricht nun einer das Schweigen, der sich selbst als Brückenbauer versteht: Obermeister Andreas Sebastian Ehrle. Im exklusiven COIFFO-Interview stellt er sich den kritischen Fragen, verteidigt das Ehrenamt leidenschaftlich und fordert von den Kritikern vor allem eines: Mut zur eigenen Verantwortung statt bloßer Kommentare von der Seitenlinie. Ein Plädoyer für den Wandel von innen heraus.

COIFFO: Herr Ehrle, seit Tagen diskutiert das Friseurhandwerk intensiv über die Daseinsberechtigung von Innungen, Landesverbänden und dem Zentralverband. Es vergeht kaum ein Tag, an dem das System nicht als gescheitert, zu bürokratisch oder zu weit weg von der Basis bezeichnet wird. Haben die Verbände den Kontakt zur Realität verloren?

Andreas Sebastian Ehrle: Wenn heute jemand behauptet, in unseren Strukturen sei alles perfekt, dann lebt er nicht in derselben Realität wie ich. Natürlich müssen wir schneller, digitaler und moderner werden. Wir müssen den Unternehmer noch kompromissloser in den Mittelpunkt stellen und vor allem eines: besser zuhören. Ich habe jedes einzelne kritische Interview der letzten Tage aufmerksam gelesen. Bei manchen Aussagen habe auch ich genickt.

Aber je länger ich diese Debatte verfolge, desto mehr habe ich das Gefühl, dass wir gerade den größten Fehler begehen, den eine Branche machen kann: Wir suchen einen Sündenbock. Plötzlich wird so getan, als wären die Innungen das eigentliche Problem unseres Handwerks. Genau da bin ich raus. Ich bin nicht Obermeister geworden, um stumpf einen Verband zu verteidigen. Ich bin angetreten, weil ich vieles genauso kritisch sehe wie die Basis. Der Unterschied ist nur: Ich bin nicht ausgetreten, sondern eingestiegen. Ein System verändert sich nicht dadurch, dass man von außen auf die Fassade schießt. Es verändert sich durch Menschen, die bereit sind, im Inneren Verantwortung zu übernehmen.

„Ein System verändert sich nicht dadurch, dass man von außen auf die Fassade schießt. Es verändert sich durch Menschen, die bereit sind, im Inneren Verantwortung zu übernehmen.“

COIFFO: Viele selbstständige Friseure beklagen jedoch, dass sie für ihren teils erheblichen Mitgliedsbeitrag kaum einen spürbaren Gegenwert erhalten. Ist diese Frustration an der Basis nicht absolut nachvollziehbar?

Andreas Sebastian Ehrle: Sie ist zumindest verständlich, und wir dürfen sie keinesfalls arrogant vom Tisch wischen. Vielleicht haben wir unseren Mehrwert in der Vergangenheit nicht gut genug erklärt. Vielleicht haben wir zu selten sichtbar gemacht, was im Hintergrund tatsächlich geleistet wird. Möglicherweise haben wir zu viel gearbeitet und zu wenig darüber gesprochen. Das nehme ich als selbstkritischen Impuls ausdrücklich mit.

Gleichzeitig wünsche ich mir aber auch Ehrlichkeit in dieser Debatte. Viele Kollegen schauen einmal im Jahr auf ihren Mitgliedsbeitrag – aber kaum jemand sieht die tausenden Stunden ehrenamtlicher Arbeit, die dahinterstecken. Wer sieht die zähen Verhandlungen mit Ministerien, die Arbeit in den Prüfungsausschüssen, die Ausbildungsinitiativen oder die nächtlichen Telefonate, wenn wieder eine neue Verordnung auf den Tisch kommt? Diese Arbeit findet nicht auf Instagram statt, sie generiert keine Likes, und deshalb wird sie schnell übersehen. Gute Arbeit ist oft leise.

Ich vergleiche das gerne mit der Feuerwehr: Solange es nicht brennt, fragt jeder, warum wir sie finanzieren. Steht das Haus lichterloh in Flammen, wundern sich plötzlich alle, warum niemand kommt. Mit unserem Ehrenamt sollten wir niemals so umgehen. Wenn irgendwann keiner mehr bereit ist, diese Verantwortung zu tragen, werden wir schmerzhaft merken, was uns verloren gegangen ist.

COIFFO: Ein konkreter Vorwurf lautet, dass die Verbände ihre Mitglieder gerade in der existenzbedrohenden Corona-Krise im Stich gelassen haben. Hat die politische Vertretung in dieser historischen Bewährungsprobe versagt?

Andreas Sebastian Ehrle: Die Pandemie war die härteste und emotionalste Zeit meines Berufslebens. Auch ich hatte Existenzängste, lag nachts wach und bangte um die Zukunft meiner Mitarbeiter und meiner Familie. Natürlich war nicht jede Entscheidung damals perfekt, und natürlich hätten Prozesse schneller ablaufen müssen. Darüber müssen wir gar nicht diskutieren.

Aber eines wird heute erstaunlich schnell vergessen: Erinnern wir uns noch an die Soforthilfen von 9.000 Euro oder 15.000 Euro? Erinnern wir uns an die immense Erleichterung, als dieses Geld auf den Konten eintraf? Heute freuen sich viele, wenn Rückforderungen geprüft oder abgewehrt werden. Aber kaum jemand stellt die entscheidende Frage: Wer hat im Hintergrund monatelang dafür gekämpft, dass unser Handwerk in der Politik überhaupt Gehör findet? Wer hat den Druck aufgebaut? Wenn Geld fließt, freut sich die Branche. Wenn Menschen dafür ihre Freizeit opfern, spricht danach kaum noch jemand darüber. Ich wünsche mir an dieser Stelle nicht weniger sachliche Kritik – aber deutlich mehr Respekt. Kritik bringt uns weiter, aber Respekt hält uns als Gemeinschaft zusammen.

„Wenn Geld fließt, freut sich die Branche. Wenn Menschen dafür ihre Freizeit opfern, spricht danach kaum noch jemand darüber.“

COIFFO: Kritiker halten dagegen, dass moderne Unternehmer heute keine klassische Innung mehr benötigen. Sie nutzen Industriepartner, Unternehmensberater, Podcasts, soziale Netzwerke und künstliche Intelligenz für ihren Erfolg. Hat die Innung traditioneller Prägung überhaupt noch eine Zukunft?

Andreas Sebastian Ehrle: Ich halte diese Gegenüberstellung für verkürzt und fast schon gefährlich. Ich selbst arbeite täglich mit KI, liebe die Digitalisierung und verschließe mich keinem Fortschritt. Wer heute noch glaubt, Digitalisierung sei nur ein vorübergehender Trend, hat die letzten zehn Jahre verschlafen.

Aber wir müssen aufhören, Dinge zu vergleichen, die nichts miteinander zu tun haben. Ein Hersteller entwickelt Produkte. Ein Coach entwickelt Persönlichkeiten. Social Media schafft Sichtbarkeit, und KI liefert strukturierte Daten. Aber wer vertritt unser Handwerk gegenüber der Gesetzgebung? Wer sitzt mit den Ministerien am Verhandlungstisch, reformiert Ausbildungsordnungen oder entwickelt Prüfungsstandards? Das macht kein Algorithmus, kein Instagram-Reel und kein Industriepartner. Das machen hochengagierte Menschen. Genau deshalb brauchen wir auch in Zukunft starke Innungen und einen starken Zentralverband. Nicht in der verstaubten Form von gestern, sondern in einer agilen Form von morgen: schneller, moderner, mutiger und spürbar näher am Unternehmer.

COIFFO: Dennoch bleibt der Vorwurf im Raum, die Verbände hätten die rasanten Marktentwicklungen der letzten Jahre schlicht verschlafen. Ist dieser Vorwurf völlig aus der Luft gegriffen?

Andreas Sebastian Ehrle: Natürlich wurden Entwicklungen zu spät erkannt. Es wäre geradezu absurd, das leugnen zu wollen. Aber mich interessiert weniger die Frage, wer vor fünf Jahren etwas verschlafen hat. Mich treibt die Frage um, wer morgen aufsteht und es besser macht.

Wir können jetzt noch ein weiteres Jahrzehnt darüber lamentieren, was in der Vergangenheit schiefgelaufen ist. Davon entsteht jedoch kein einziger neuer Ausbildungsplatz, davon gewinnt kein Salon auch nur einen Mitarbeiter, und davon sichert kein Betrieb seine Existenz. Wer beim Autofahren ausschließlich in den Rückspiegel blickt, fährt unweigerlich gegen die Wand. Ich entscheide mich ganz bewusst für den Blick nach vorn. Ich engagiere mich nicht, weil ich das System für perfekt halte, sondern weil ich fest davon überzeugt bin, dass wir es nur gemeinsam reparieren können.

„Wer beim Autofahren ausschließlich in den Rückspiegel blickt, fährt unweigerlich gegen die Wand.“

COIFFO: Sie gelten in der Branche als streitbar und laut. Welches Ziel verfolgen Sie mit diesem konfrontativen Kurs?

Andreas Sebastian Ehrle: Schweigen hat noch nie eine Reform eingeleitet. Ich habe keine Lust, am Spielfeldrand zu sitzen und stumm zuzuschauen. Wenn ich Fehlentwicklungen sehe, spreche ich sie an – auch intern und unbequem gegenüber den eigenen Reihen. Ich werde niemals Missstände schönreden. Aber ich werde ebenso wenig zulassen, dass Kolleginnen und Kollegen, die sich seit Jahren ehrenamtlich aufopfern, öffentlich so dargestellt werden, als würden sie nichts leisten. Das ist schlicht ungerecht.

Ich verstehe mich nicht als Sprachrohr, weil ich am lautesten rufe, sondern weil ich zuhöre. Weil ich jeden Morgen denselben Schlüssel in meine Salontür stecke wie tausende Kollegen in ganz Deutschland. Ich kenne die Sorgen, ich kenne die unbezahlten Rechnungen und ich kenne die Last dieser Verantwortung. Ich spreche nicht von oben herab, sondern als einer von euch, mitten aus der Praxis.

COIFFO: Was werfen Sie den Kritikern der aktuellen Verbandsstrukturen konkret vor?

Andreas Sebastian Ehrle: Überhaupt nicht ihre inhaltliche Kritik. Die gehört zu einem gesunden Diskurs dazu und bringt die nötige Dynamik. Ich werfe manchen Akteuren lediglich den Irrglauben vor, dass Kritik allein bereits die Realität verändert. Ein kritischer Kommentar im Netz reformiert keine Branche. Übernahme von Verantwortung hingegen schon.

Wir sind mittlerweile Weltmeister im Kommentieren geworden. Jeder weiß theoretisch, wie es besser geht, jeder hat einen Ratschlag parat. Es ist jedoch auffällig, dass es bei Wahlen, im Ehrenamt oder in den Prüfungsausschüssen plötzlich verdammt still wird, wenn Mitstreiter gesucht werden. Mitreden ist leicht – Mitgestalten ist harte Arbeit. An dieser Stelle trennt sich für mich die Spreu vom Weizen.

COIFFO: Wenn Sie einen Wunsch für die Zukunft frei hätten: Wie sieht die Innung der Zukunft aus?

Andreas Sebastian Ehrle: Ich wünsche mir eine Innung, die nicht darauf wartet, dass sich die Rahmenbedingungen verändern, sondern die den Wandel selbst aktiv antreibt. Eine Innung, die morgens genauso früh aufsteht wie unsere Unternehmer, die erst zuhört, bevor sie spricht, und die Betriebe nicht belehrt, sondern partnerschaftlich begleitet. Eine Institution, die junge Menschen begeistert, anstatt lediglich verkrustete Strukturen zu verwalten. Und vor allem: eine Innung, die den Mut besitzt, sich jeden Tag selbst kritisch zu hinterfragen.

Tradition bedeutet für mich nicht das Bewahren der Asche, sondern das Weitergeben des Feuers. Es bedeutet, das Gute zu schützen und gleichzeitig mutig Neues zuzulassen. Mein Credo lautet daher: Tradition trifft auf den Rebellen. Ein Rebell ist für mich kein Zerstörer, sondern jemand, der die Ärmel hochkrempelt und die Dinge tatkräftig verbessert.

COIFFO: Was entgegnen Sie den Unternehmern, die in der aktuellen Situation konkret über einen Austritt aus der Innung nachdenken?

Andreas Sebastian Ehrle: Ich werde niemandem vorschreiben, was er zu tun hat. Jeder selbstständige Kollege trifft seine Entscheidungen eigenverantwortlich. Aber ich möchte eine Frage in den Raum stellen: Wenn alle das Haus verlassen – wer bleibt dann noch übrig, um das Fundament zu sanieren?

Ich bin nicht geblieben, weil ich alles richtig finde. Ich bin geblieben, weil echter Wandel nur von innen heraus gelingt. Es ist spielend leicht, vor der Tür zu stehen und zu erklären, wie man ein Haus bauen müsste. Die wahre Herausforderung besteht darin, den Helm aufzusetzen, die Kelle in die Hand zu nehmen und den ersten Stein selbst zu setzen. Genau dafür habe ich mich entschieden. Ich entstamme dem Friseursalon meiner Großmutter – und genau dorthin, an die ehrliche Basis unseres Handwerks, gehöre ich auch hin. Wir brauchen keine tieferen Gräben oder neue Lager. Wir brauchen Zusammenhalt, Mut und Menschen, die den ersten Schritt gehen.