Ein aktueller Medienbericht schlägt Wellen: Friseurbesuche werden teurer. Der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks (ZV) warnt vor steigenden Lohnkosten und kritisiert Kleinunternehmer. Doch ist das wirklich der richtige Weg, um unserem wunderbaren Handwerk den Wert zu geben, den es verdient? Ein COIFFO-Leitartikel über fehlende Kalkulation, fatale Außenwirkung und den Mut zum wahren Wert.
Die Schlagzeile des Nachrichtenportals t-online liest sich wie eine Warnung an die Verbraucher: „Wer einen neuen Haarschnitt oder frische Farbe auf dem Kopf will, muss tief in die Tasche greifen“. Grundlage dieses Berichts ist der aktuelle Branchenbericht des Zentralverbands des Deutschen Friseurhandwerks, nach dem die Preise für Friseurdienstleistungen im Jahr 2025 um durchschnittlich 3,6 Prozent gestiegen sind. Damenhaarschnitte wurden um 3,5 Prozent, Herrenschnitte um 3,4 Prozent teurer – eine Steigerung, die deutlich über der allgemeinen Inflationsrate von 2,3 Prozent liegt.
Als Hauptgründe nennt der Zentralverband gegenüber t-online drei Faktoren: steigende Materialausgaben, hohe Energiekosten und vor allem höhere Personalkosten. Doch die Art und Weise, wie diese berechtigten Punkte kommuniziert werden, offenbart ein strategisches Problem, das unserer Branche massiv schadet.
Die fatale Botschaft an den Nachwuchs
Laut ZV fallen „besonders […] die Lohnkosten“ ins Gewicht. Verwiesen wird dabei auf den gesetzlichen Mindestlohn, der seit Januar 2025 bei 12,82 Euro pro Stunde liegt.
Hier stellt sich eine kritische Frage: Wenn der Zentralverband den gesetzlichen Mindestlohn in der Öffentlichkeit als erdrückende Belastung und Preistreiber brandmarkt, wie zum Teufel sollen Saloninhaber dann in Zeiten des Fachkräftemangels jemals wieder motivierte Mitarbeiter finden? Wer einen Lohn von 12,82 Euro als Problem für die betriebliche Existenz darstellt, macht diesen hochkreativen und wichtigen Beruf für junge Talente unattraktiv. Anstatt Löhne als schmerzhafte Kostenstelle zu beklagen, sollten wir faire Gehälter als essenzielles Investment in Handwerksqualität feiern. Ein Premium-Handwerk erfordert Premium-Mitarbeiter – und die müssen gut bezahlt werden.
Der Kleinunternehmer-Strohmann: Eine Frage der Mathematik
Um von den tieferliegenden strukturellen Herausforderungen abzulenken, eröffnet der Verband einen weiteren Nebenschauplatz. Der t-online-Bericht greift auf, dass rund 30 Prozent der Friseurunternehmen unter die sogenannte Kleinunternehmerregelung fallen und keine Umsatzsteuer abführen. Dies ermögliche ihnen deutlich günstigere Preise. Der Zentralverband kritisiert dies scharf als Wettbewerbsverzerrung und „fordert eine Absenkung der Umsatzgrenze, um faire Bedingungen für alle Betriebe zu schaffen“.
Diese Argumentation hält einer faktenbasierten Prüfung kaum stand. Zur gesetzlichen Wahrheit gehört: Die Kleinunternehmerregelung ist strikt an eine Umsatzgrenze von 22.000 Euro im Vorjahr gekoppelt.
Wer sich diese Grenze vor Augen führt, erkennt schnell, dass hier ein Strohmann aufgebaut wird. Ein Betrieb, der maximal 22.000 Euro Umsatz im gesamten Jahr (also rund 1.833 Euro im Monat) erwirtschaften darf, um diesen Status zu behalten, ist rein rechnerisch überhaupt nicht in der Lage, Mitarbeiter zu beschäftigen oder einen Premium-Salon mit hohen Fixkosten zu führen. Diese Kleinstbetriebe kratzen oft am Rande der Existenzsicherung oder sind reine Nebenerwerbe. Sie als den großen Feind der Branche und als Ursache für den Preisdruck der großen Salons darzustellen, geht an der betriebswirtschaftlichen Realität vorbei. Ende 2025 waren bundesweit ohnehin nur noch 80.118 Salons registriert – 245 weniger als im Vorjahr, da 6.300 Schließungen nur 6.055 Neugründungen gegenüberstanden.
Der wahre Schmerzpunkt: Die fehlende betriebswirtschaftliche Bildung
Die Branche ist extrem kleinteilig strukturiert: „Mehr als 73 Prozent aller Betriebe beschäftigen weniger als fünf Personen“. Genau hier liegt der blinde Fleck, den wir als Branche endlich konstruktiv angehen müssen: Das grundlegende Problem ist nicht der Mindestlohn, sondern die Tatsache, dass viele großartige Handwerker schlichtweg nie gelernt haben, ihre Kosten professionell zu berechnen.
Es fehlt oft an einer präzisen Minutenkalkulation. Wer seine eigenen Kosten für Raum, Zeit, Material, Weiterbildung und unternehmerisches Risiko nicht exakt kennt, wird zwangsläufig über den Preis konkurrieren. Ein Lichtblick ist, dass die Diskussion um geschlechtsneutrale Preise an Fahrt gewinnt. Laut t-online orientieren immer mehr Salons ihre Preise am „tatsächlichen Leistungsumfang, also an Haarlänge, Zeitaufwand und Materialeinsatz“ – ein Schritt, den auch der ZV für Transparenz und Fairness befürwortet. Genau dieses Prinzip der harten, aufwandsbezogenen Kalkulation muss jedoch für das gesamte Salonkonzept gelten.
Fazit: Mut zum Wert, Mut zur Zukunft
Der Blick nach Europa, basierend auf dem „European Hair Cost Index 2026 von Schwarzkopf Professional“, zeigt uns, wohin die Reise gehen muss. In Berlin liegt der Durchschnittspreis für Damen bei 73,90 Euro, in München bei rund 80 Euro. Im extremsten Beispiel, Zürich, kostet der Damenhaarschnitt sogar 101,50 Euro.
Deutschland gehört zwar im Vergleich zum europäischen Durchschnitt (Männer 39,90 Euro, Frauen 53,79 Euro) zu den teureren Märkten, doch diese Zahlen beweisen vor allem eins: Kunden sind bereit, für exzellentes Handwerk entsprechendes Geld zu bezahlen.
Es ist an der Zeit, dass wir aufhören, uns selbst als Opfer von Mindestlöhnen oder Steuermodellen zu inszenieren. Friseure sind hochqualifizierte Beauty-Experten. Wenn der Zentralverband seine Energie zukünftig noch stärker in die betriebswirtschaftliche Aufklärung und in eine positive Imagekampagne für den Beruf steckt, anstatt eine Jammer-Rhetorik zu bedienen, wird diese Branche nicht nur ihre Preise rechtfertigen können, sondern auch wieder den Nachwuchs anziehen, den sie so dringend braucht.









