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Vincenza Gentile plädiert für die Modernisierung der Innungen

Vincenza Gentile im Interview

Foto: Nicole Bauer Photography

Die Diskussion um Reformen im Friseurhandwerk wird oft emotional geführt. Doch abseits von Pauschalkritik gibt es Stimmen, die den Wert der Institutionen betonen, ohne die Augen vor dem Wandel der Zeit zu verschließen. Eine dieser Stimmen gehört Vincenza Gentile. Seit fast 40 Jahren ist sie im Beruf, seit über 32 Jahren führt sie erfolgreich ihren eigenen Salon. Ihr Wort hat Gewicht, auch, weil sie jahrelang ehrenamtlich als Fachleiterin an vorderster Front aktiv war. Für sie steht fest: Innungen und der Zentralverband (ZV) sind als starke Interessenvertretung auf politischer, fachlicher und gesellschaftlicher Ebene unverzichtbar. Doch das System muss sich bewegen.

Das Ehrenamt verdient höchsten Respekt

Gentile blickt aus eigener Erfahrung auf die immense Arbeit, die im Hintergrund geleistet wird. „Ich weiß genau, wie viel Zeit, Energie und Herzblut notwendig sind, um diese Aufgaben neben dem eigenen Salonalltag zu bewältigen“, betont die Branchen-Insiderin. Wenn sie an ihre aktive Zeit im Vorstand zurückdenkt, ging es ihr und ihren Mitstreitern nie um Titel oder persönliche Vorteile: „Als wir damals gemeinsam Verantwortung übernommen haben, wollten wir unsere Innung moderner und innovativer gestalten. Wir wollten Veranstaltungen neu denken und den Mitgliedern echten Mehrwert bieten.“

Dass dabei nicht immer alles perfekt lief, liege in der Natur der Sache. Schließlich stünden hinter den Ehrenamtlichen selbstständige Unternehmer, die parallel Salons führen, Mitarbeiter führen, Azubis ausbilden und Familien managen. „Wir haben jede freie Minute investiert, nicht für uns selbst, sondern weil wir überzeugt waren, dass unser Beruf dieses Engagement verdient.“

Warum Tradition allein heute nicht mehr ausreicht

Trotz ihrer grundsätzlichen Befürwortung des Innungswesens zieht Gentile für sich persönlich eine klare Konsequenz aus der aktuellen Entwicklung: Derzeit ist sie kein Mitglied einer Innung. Ein Schritt, den sie jedoch ausdrücklich nicht als fundamentale Absage verstanden wissen will: „Ich betone bewusst das Wort ‚derzeit‘. Ich wünsche mir starke, moderne und attraktive Innungen. Im Moment habe ich jedoch den Eindruck, dass die Inhalte und Angebote noch intensiver an den tatsächlichen Bedürfnissen der Friseurunternehmer ausgerichtet werden müssten.“

Ihre Kernbotschaft an die Verbände lautet: Unterstützung entsteht nicht automatisch, sondern durch Leistung. „Eine Innung darf sich niemals auf ihrer Historie ausruhen. Sie muss die Zukunft aktiv mitgestalten – durch relevante Inhalte, Innovation und echte Nähe zu den Betrieben.“ Aus dem Vorstand trat sie seinerzeit aus persönlichen Gründen zurück. Details dazu möchte sie im Sinne des respektvollen Umgangs bewusst nicht in der Öffentlichkeit austragen. Für sie zählt der Blick nach vorn.

Das „Zuhör-Signal“: Ein konkreter Vorschlag zur Güte

Um den oft zitierten Graben zwischen organisierten und freien Salons zu überbrücken, schlägt Gentile eine pragmatische Kehrtwende in der Kommunikation vor. Statt übereinander zu reden, solle man gezielt das Gespräch mit denjenigen suchen, die den Verbänden den Rücken gekehrt haben.

„Vielleicht wäre es sinnvoll, gezielt diejenigen zu fragen: Warum seid ihr nicht dabei? Was fehlt euch? Welchen messbaren Mehrwert erwartet ihr und was können wir besser machen?“, so ihr Impuls an die Funktionäre. Sicherlich werde sich nicht jeder Wunsch sofort eins zu eins umsetzen lassen, „aber allein das Signal des echten Zuhörens wäre ein enorm starkes Zeichen.“

Ein Plädoyer für mehr Wertschätzung und Vielfalt

Wo Menschen eng zusammenarbeiten, entstehen Reibungspunkte und Konflikte – das sei im Salon nicht anders als im Ehrenamt. Entscheidend sei jedoch die Kultur des Miteinanders. Gentile fordert ein klares Ende von Missgunst und Konkurrenzdenken innerhalb der Branche: „Ich freue mich ehrlich über den Erfolg anderer Kolleginnen und Kollegen. Jeder hat seine eigene gestalterische Handschrift, und genau diese Vielfalt macht unser Friseurhandwerk aus.“

Ihr abschließender Wunsch ist ein leidenschaftlicher Appell an alle Beteiligten: Mehr Miteinander statt Gegeneinander, mehr Zuhören statt schnelles Verurteilen. Wenn es gelinge, die unterschiedlichen Stärken von Tradition, Moderne, Industrie und freien Akteuren an einem Tisch zusammenzubringen, habe das Friseurhandwerk eine glänzende Zukunft vor sich. Dafür lohne es sich nach wie vor, Verantwortung zu übernehmen.