Er erreicht Hunderttausende, räumt schonungslos mit Beauty-Mythen auf und hat die digitale Friseurwelt auf den Kopf gestellt. Tom Hannemann ist die unangefochtene Instanz, wenn es um echtes Haar-Wissen im Netz geht. Für unsere Launch-Ausgabe haben wir den Superstar der Hair-Education zum exklusiven Interview gebeten. Ein Gespräch über den Mut zur Provokation, das Ende des Frontalunterrichts und die Frage, warum Perfektion auf Social Media heillos überschätzt wird.
COIFFO: Tom, mega, dass du dabei bist! Du verbindest auf deinen Kanälen harten „Real Talk“ mit fundierter „Beauty Education“. Du nimmst Mythen auseinander oder fragst provokant: „Lohnt sich Lidl wirklich?!“. Wie schafft man im Alltag den Spagat zwischen maximaler Unterhaltung für die Masse und echtem, fachlichem Tiefgang, ohne an Seriosität zu verlieren?
Tom Hannemann: Das ist in meiner Welt relativ einfach und super zu vereinbaren. Anstatt mich persönlich sehr ernst zu nehmen, nehme ich die Sache selbst ernst. Maximaler Unterhaltungsfaktor hilft nur dabei, komplexe Zusammenhänge besser zu verstehen, leichter zu behalten und die richtigen Rückschlüsse zu ziehen.
Natürlich muss dafür auch das ein oder andere ketzerisch formuliert werden oder auch provokant auf Meinungen abzielen. Meiner Erfahrung nach wird das Thema Haarpflege aber zu kompliziert dargestellt und fundierte Grundlagen als nicht attraktiv genug wahrgenommen. Dabei baut meine Glaubwürdigkeit vor allem darauf auf, das Chaos der Marketingversprechen und unrealistischen Erwartungen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner herunterzukürzen.
Dieses Vorgehen, gepaart mit der rhetorischen Leichtigkeit, mich selbst auch mal halb ernst zu nehmen, bringt den Menschen Zugang zu simplen Lösungen. Um das noch mit einem sprachlichen Bild zu veranschaulichen: Wenn ich Hufgeräusche höre, denke ich an ein Pferd, nicht an ein Zebra. Genauso verhält es sich in den fachlichen Themen, die ich behandle. Wenn Feuchtigkeit draufsteht, denke ich nicht an Hyaluron, sondern an Fett. Dieses Grundverständnis herzustellen und damit das Regal überschaubar zu machen, ist mein Auftrag. Seriöser als das wird es meiner Meinung nach nicht.
COIFFO: Ein riesiger Hebel deines Contents ist die Aufklärung über Inhaltsstoffe. Warum hält sich dieses gefährliche Halbwissen in den Köpfen der Verbraucher so hartnäckig – und was müssen Friseure am Stuhl tun, um in Sachen Produktberatung wieder die unangefochtene Instanz Nummer 1 zu werden?
Tom Hannemann: Die heutige Zeit ist, nicht nur in der Haarindustrie, von sofortigen Erfolgsversprechen geprägt. Nichts darf Zeit, Kraft oder Ausdauer kosten, sondern muss instant funktionieren. Das ist auch der Grund, warum sich so viele Mythen und Halbwahrheiten halten, denn sie klingen zu verlockend und deshalb will daran geglaubt werden. Meine Devise ist allerdings: Wenn etwas zu gut klingt, um wahr zu sein, ist es in 99 % der Fälle nicht wahr. Oder anders formuliert: Nichts, das sich zu haben lohnt, ist leicht zu bekommen.
Um als Friseur heute mithalten zu können, muss ich top informiert sein und das weit über meine ursprüngliche Ausbildung hinaus. Nur dann kann ich dem Bullshit-Bingo der Firmen und Interessen Dritter entgehen, um den maximalen Nutzen für meine Gäste herauszuholen. Dabei geht es darum, mit Misskonzeptionen aufzuräumen und einfache, realistische Lösungen anzubieten.
„Nur wenn ich top informiert bin, kann ich dem Bullshit-Bingo der Firmen entgehen. Wer Kunden nur Produkte aufdrückt, generiert einen einmaligen Verkauf, aber baut kein nachhaltiges Geschäftsmodell auf.“
Transparenz und Ehrlichkeit am Stuhl können nur erreicht werden, wenn ich mich unabhängig fortbilde und nicht indoktrinieren lasse. Dabei geht es nicht darum, Frontalunterricht zu betreiben, sondern maßgeschneiderte Lösungen mit der höchstmöglichen Performance herzustellen. Zu wissen, was ich verkaufe, für wen es gedacht ist und vor allen Dingen, warum jemand es in seinem täglichen Dasein benötigt, macht dabei den größten Unterschied.
COIFFO: Mit deinen Videos füllst du eine massive Bildungs-Lücke. Wenn du den Status Quo betrachtest: Was läuft in der klassischen, traditionellen Friseurausbildung aktuell schief?
Tom Hannemann: Das ist eines meiner absoluten Lieblingsthemen! Vor kurzem bin ich des Nachts hochgeschreckt und hatte ein ganz klares neues System vor Augen, das mir aufgezeigt hat, wo die Schwächen unserer heutigen Ausbildung liegen. Wir lernen grundlegend abstrakte Konzepte, reden über unsere zukünftigen Kunden, anstatt mit ihnen, und wählen dabei die praxisfernsten Szenarien.
Ein klassischer Frontalunterricht hat meiner Meinung nach in der heutigen Ausbildung keinen Platz mehr. Echtes, realistisches Wissen muss grundlegend an Ort und Stelle erlangt werden – am Stuhl. Dazu braucht es Geld für wirkliche Trainingssalons und privatwirtschaftliche Konzepte wie beispielsweise bei der Meininghaus Akademie, wo tagtäglich mit echten Kunden gearbeitet wird.
Darüber hinaus bin ich der Meinung, dass das Konzept eines Bachelorstudiengangs unproblematisch auf die Friseurausbildung anzuwenden ist: Basismodule für alle, gefolgt von Vertiefungen und Schwerpunkten. So bekomme ich eine Spezialisierung von vornherein und bin Experte in gewissen Bereichen. Ich bin der festen Überzeugung, dass ohne einen kompletten Umbruch im System keine nachhaltige Zukunft mehr für Friseure in Deutschland existiert.
COIFFO: Viele traditionelle Saloninhaber haben Angst vor der Kamera. Welchen ersten, pragmatischen Schritt empfiehlst du einem Friseurmeister, um sich authentisch im Netz zu zeigen?
Tom Hannemann: Ich würde tatsächlich gar nicht mit Fachwissen oder edukativen Inhalten starten. Die Frage, die ich mir als Unternehmer stellen muss, lautet: Was für einen Nutzen hat der Salon dadurch? Ist es Kundenakquise, Markenimage oder habe ich einfach Bock drauf? Es muss mir Freude bereiten und es darf nicht schwer sein.
Und ganz ehrlich: Keine Sau hat mehr Bock, Haarbilder zu sehen. Wenn ich als Salon auf Social Media darstellen muss, dass ich Haare machen kann, dann habe ich lediglich meine Daseinsberechtigung protokolliert, aber keinen Mehrwert geschaffen.
„Keine Sau hat mehr Bock, Haarbilder zu sehen. Ein Salon, der nur zeigt, dass er Haare schneiden kann, hat lediglich seine Daseinsberechtigung protokolliert – aber keinen Mehrwert erschaffen.“
Der Mehrwert entsteht, wenn ich als Kunde weiß, wie der Laden drauf ist. Die Menschen hinter dem Stuhl, die Geschichten, der Vibe, die Erfolge und Verfehlungen – das weckt Neugier und erschafft eine Community. Eines der größten Bedürfnisse jedes Menschen ist Sicherheit. Ich will sicherstellen, dass mein Salon handwerklich top ist, aber die menschliche Komponente ist genauso wichtig.
Der erste Schritt sollte also sein: Ergründen, ob ich wirklich bereit bin, mich und meine Welt öffentlich zu zeigen – und dann einfach machen, worauf ich Bock habe. Ich wurde oft gefragt, wie ich es geschafft habe, in so kurzer Zeit einen so großen Kanal aufzubauen. Die ehrliche Antwort: Es war mir egal. Egal ob ich Views hatte, egal ob ich Likes hatte und egal ob ich gemocht wurde. Ich habe mich entschieden, mich selbst online zu verwirklichen. Ein Video zu entfernen, ist nur einen Klick weit weg. Wer es ernst meint und sich selbst abbilden kann, ist zum Erfolg verdammt.









