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Das Beben geht weiter: Nach Ayhan Saglam rechnet nun auch Buchautorin Nadine Habermann schonungslos mit der Innung ab

Buchautorin Nadine Habermann bricht ihr Schweigen über die verkrusteten Strukturen der Friseur-Innung.

Foto: Nadine Habermann

Das Beben geht weiter: Nach Ayhan Saglam rechnet nun auch Bestseller-Autorin Nadine Habermann schonungslos mit der Innung ab

Nach den brisanten Einlassungen prominenter Branchen-Akteure wie Ayhan Saglam und Giuseppe Genovese bricht nun die nächste Branchen-Ikone ihr Schweigen. Nadine Habermann – Friseurmeisterin, internationale Speakerin und Autorin des Erfolgsbuches „Die Föhntherapie“, fordert in einem exklusiven Statement eine radikale Erneuerung der Handwerksorganisationen. Ihr Vorwurf wiegt schwer: Die Verbände hätten sich vom Salonalltag entfremdet und würden die Basis in existenziellen Krisen im Stich lassen.

Die Debatte um die Daseinsberechtigung und Zukunftsfähigkeit der regionalen Innungen und Handwerkskammern erreicht eine neue Dimension. Nadine Habermann stellt gleich zu Beginn ihrer Ausführungen klar, dass sie nicht aus einer grundsätzlichen Anti-Haltung gegenüber Innungen agiert. Vielmehr kritisiert die Preisträgerin, dass diese Institutionen ihrer eigentlichen Kernaufgabe, als politisches Sprachrohr für die Unternehmerinnen und Unternehmer der Branche zu fungieren und echte Problemlösungen anzubieten – heute oftmals nicht mehr gerecht werden.

„Auf mich allein gestellt“: Der Austritt aus der Innung

Diese strukturelle Entfremdung erlebte Habermann am eigenen Leib: Nach langjähriger Mitgliedschaft in der Innung Kaiserslautern zog sie die Reißleine und kündigte. Als Hauptgrund für diesen Schritt nennt die Friseurmeisterin das anhaltende Gefühl, bei den täglichen Herausforderungen im Salon am Ende doch auf sich allein gestellt gewesen zu sein. Bei angesprochenen Problemen oder neuen Ideen habe sie häufig keine konkreten Lösungen oder wirkliche Unterstützung durch die Verbandsstrukturen erfahren.

Ignorierte Warnungen vor dem Fachkräftemangel

Wie schwerfällig der Apparat aus Sicht der Expertin auf essenzielle Branchenthemen reagiert, zeigte sich bereits vor fast einem Jahrzehnt. Schon vor acht bis zehn Jahren, als der heutige massive Nachwuchsmangel für weitsichtige Unternehmer bereits absehbar war, suchte Habermann aktiv das Gespräch mit der Innung. Sie schlug neue Ausbildungswege vor und wollte moderne Konzepte bis hin zu einer eigenen Akademie etablieren.

Die Friseurmeisterin hatte die Hoffnung, dass die Innung derartige Zukunftsfragen aufgreifen und auf Landes- oder Bundesebene politisch vorantreiben würde. Stattdessen sei ihr der Eindruck vermittelt worden, dass die Umsetzung solcher Konzepte letztendlich ihre private Aufgabe bleibe. Diese fehlende Rückendeckung war für Habermann der entscheidende Punkt, der Verbandsarbeit den Rücken zu kehren.

Die Corona-Hilfen 2023: Wenn die Vertretung in der Krise schweigt

Ein besonders prägendes Beispiel für das Versagen der klassischen Interessenvertretung ist für Habermann der Umgang mit den Rückforderungen der Corona-Hilfen, die viele Betriebe seit 2023 existenziell bedrohen. Um auf die Sorgen der Branche aufmerksam zu machen, organisierte sie gemeinsam mit anderen Unternehmern eine Demonstration in Rheinland-Pfalz.

Der Versuch, die Innung für diese Aktion als starke Partnerin ins Boot zu holen, scheiterte laut Habermann an bürokratischen Hürden: Die Reaktionen seien „sehr zurückhaltend“ ausgefallen. Die Institution habe argumentiert, dass die Demo zu kurzfristig sei und zunächst weitere Abstimmungen erfordere – für die Speakerin ein schwer nachvollziehbares Argument, da die Problematik der Rückzahlungen zu diesem Zeitpunkt längst flächendeckend bekannt war.

Die bittere Konsequenz für die Basis: Die Betriebe organisierten die Demonstration kurzerhand eigenständig, übernahmen selbst die Initiative zur Vorbereitung von Widersprüchen und prüften auf eigene Faust weitere rechtliche Schritte für die gesamte Branche. Genau in diesem Moment, so resümiert Habermann, hätte eine starke Innung die Betriebe zusammenbringen und den tatsächlichen Mehrwert einer Mitgliedschaft sichtbar machen können.

HWK-Zwang und die Ignoranz gegenüber Solo-Selbstständigen

Auch die Handwerkskammern (HWK) nimmt die Bestseller-Autorin in die Pflicht. Da es sich hierbei um eine Pflichtmitgliedschaft handele, bei der Betriebe keine Wahlmöglichkeiten hätten, fordert Habermann dort zwingend eine stärkere Unterstützung und einen deutlich größeren Mehrwert.

Insgesamt beschreibt sie die Strukturen in den Handwerksorganisationen und Innungen als stark bürokratisiert. Es gebe zahllose Gremien und Zuständigkeiten, doch es fehle an der nötigen Geschwindigkeit und Praxisnähe. Vor allem die wachsende Vielfalt der Branche bleibe auf der Strecke: Die spezifischen Herausforderungen von Solo-Selbstständigen würden sich fundamental von denen größerer Salonbetriebe unterscheiden – eine Tatsache, die in der Verbandsarbeit laut Habermann deutlich stärker berücksichtigt werden müsse.

„Kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem“

Dass immer mehr Salons schließen, die Ausbildungszahlen sinken und die Innungen selbst große Schwierigkeiten bei der Mitgliedergewinnung haben, sind für Habermann unübersehbare Warnsignale, die das dringende Hinterfragen der bestehenden Strukturen erfordern.

In den vergangenen Jahren hätten viele politische Maßnahmen, die eigentlich als Entlastung deklariert waren, im Salonalltag nur für noch mehr Belastungen gesorgt. „Ich glaube nicht, dass unsere Branche ein Erkenntnisproblem hat – sie hat ein Umsetzungsproblem“, bringt die Autorin das Dilemma präzise auf den Punkt. Es werde viel gesprochen und geprüft, aber am Ende blieben es zu oft nur Worte. Das Friseurhandwerk brauche dringend Entscheidungsträger in der Verantwortung, die die reale Praxis in den Salons kennen und den Willen haben, Veränderungen auch rigoros umzusetzen.

Ihre Abrechnung schließt Nadine Habermann jedoch nicht mit der Forderung nach der Abschaffung der Institutionen, sondern mit einem leidenschaftlichen Appell für deren Modernisierung: Sie wünsche sich eine Erneuerung nach dem Prinzip „Weniger Bürokratie, mehr Praxis. Weniger Verwalten, mehr Gestalten.“. Nur wenn die Interessenvertretungen aufhörten, lediglich Beiträge zu verwalten, und stattdessen gemeinsam mit den Betrieben für die Branche kämpften, habe das Friseurhandwerk eine erfolgreiche Zukunft.