Bewegung im Konflikt zwischen der Friseur-Basis und den Verbandsebenen: Pünktlich vor Ablauf der von COIFFO gesetzten Frist hat der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks (ZV) durch Bele Graniger offiziell zu unserer Presseanfrage Stellung bezogen.
In der ausführlichen Antwort liefert die Verbandsspitze eine detaillierte Einordnung der aktuellen Branchenlage. Für die Betriebe an der Basis enthält das Schreiben eine Reihe von hochbrisanten Bestätigungen.
Die Analyse der Redaktion: Einordnung der ZV-Stellungnahme
Die Antwort des Verbandes zeigt, dass die fundierte Kritik der Basis auf höchster Ebene Gehör findet. Journalistisch sind vor allem drei Kernpunkte bemerkenswert:
- Offizielle Bestätigung der Wirtschaftsdaten: Der ZV listet in seiner Stellungnahme exakt jene Statistiken für das Jahr 2025 auf (darunter das Umsatzplus von 2,2 Prozent und die 7.497 neuen Ausbildungsverträge), die auch im Fokus der aktuellen Debatte stehen. Damit steht fest: Die von der Fachwelt diskutierten Kennzahlen sind von höchster Stelle offiziell verifiziert.
- Offenes Eingeständnis des Ausbildungs-Dilemmas: Überraschend deutlich räumt der ZV in seiner Stellungnahme ein, dass das Friseurhandwerk trotz steigender Anfängerzahlen ein massives Problem hat. Mit einer „Vertragslösungsquote von über 50 Prozent“ zählt die Branche weiterhin zu den Berufen mit den höchsten Ausbildungsabbrüchen. Damit bestätigt der Verband genau die gravierenden Baustellen bei der Mitarbeiterbindung, die COIFFO zuletzt thematisiert hat.
- Rechtfertigung zur Kleinunternehmerregelung: Der Verband betont, dass seine umstrittene Haltung zur Kleinunternehmerregelung nicht als Kritik an bestimmten Betriebsformen oder Solo-Selbstständigen zu verstehen sei. Man setze sich lediglich für „faire Wettbewerbsbedingungen“ für ausbildende und arbeitgebende Betriebe ein – ein Punkt, der an der Basis bekanntlich nach wie vor sehr kritisch diskutiert wird.
Im Sinne einer transparenten und ausgewogenen Berichterstattung nach den Regeln des Pressekodex dokumentieren wir die Stellungnahme des Zentralverbandes nachfolgend im vollen, unzensierten Wortlaut.
Die Stellungnahme des Zentralverbandes im Wortlaut:
„Sehr geehrter Herr Salerno,
vielen Dank für Ihre Anfrage.
Als Bundesverband des Deutschen Friseurhandwerks vertreten wir die Interessen des gesamten Friseurhandwerks in Deutschland. Unsere Mitgliedsorganisationen repräsentieren Betriebe unterschiedlichster Größe und Ausrichtung – vom Ein-Personen-Betrieb über Familienunternehmen und Ausbildungsbetriebe bis hin zu größeren Salonunternehmen. Wir setzen uns für die Attraktivität des Friseurberufs, eine hochwertige Ausbildung sowie gute wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen für alle Friseurbetriebe ein. Dazu gehört es, positive Entwicklungen sichtbar zu machen und gleichzeitig auf bestehende Herausforderungen hinzuweisen. Beides ist Teil einer verantwortungsvollen Interessenvertretung.
Die aktuellen Entwicklungen im Friseurhandwerk zeichnen ein differenziertes Bild. Wir begrüßen ausdrücklich die erfreuliche Entwicklung im Ausbildungsbereich: Mit 7.497 neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen (+12,6 %) und insgesamt 14.621 Auszubildenden (+5,3 %) setzt sich der positive Trend fort. Auch wirtschaftlich entwickelte sich die Branche stabil: Die Umsätze stiegen 2025 um 2,2 Prozent, nachdem bereits 2024 ein Branchenumsatz von rund 7,7 Milliarden Euro erzielt wurde. Diese Zahlen zeigen, dass Friseurdienstleistungen weiterhin einen hohen Stellenwert genießen.
Gleichzeitig wäre es nicht seriös, daraus zu schließen, dass die strukturellen Herausforderungen überwunden sind. Im gesamten Handwerk konnten im vergangenen Jahr rund 16.000 Ausbildungsplätze nicht besetzt werden. Hinzu kommt, dass das Friseurhandwerk mit einer Vertragslösungsquote von über 50 Prozent weiterhin zu den Berufen mit den höchsten Ausbildungsabbrüchen zählt. Steigende Ausbildungszahlen sind deshalb ein wichtiger Erfolg, bedeuten aber noch nicht, dass der Fachkräftemangel nachhaltig überwunden ist. Gleichzeitig belasten steigende Personal-, Energie-, Material- und Betriebskosten viele Betriebe weiterhin erheblich.
Unsere Hinweise auf die Auswirkungen politischer Rahmenbedingungen – etwa beim gesetzlichen Mindestlohn oder der Kleinunternehmerregelung – verstehen wir ausdrücklich nicht als Kritik an einer fairen Entlohnung oder an bestimmten Betriebsformen. Es gehört zu unserem Auftrag, die Auswirkungen politischer Entscheidungen auf alle Friseurbetriebe zu bewerten und gegenüber der Politik zu vertreten. Dabei setzen wir uns für faire Wettbewerbsbedingungen ein, damit insbesondere Betriebe, die ausbilden, Arbeitsplätze schaffen und unternehmerische Verantwortung übernehmen, auch künftig wirtschaftlich erfolgreich arbeiten können.
Die Zukunft des Friseurhandwerks entscheidet sich nicht allein über wirtschaftliche Kennzahlen. Attraktive Karrierewege, moderne Personalführung, kontinuierliche Fortbildung und eine hochwertige Ausbildung sind entscheidende Faktoren, um Menschen langfristig für unseren Beruf zu gewinnen und zu begeistern. Gemeinsam mit unseren Landesinnungsverbänden, Innungen und Betrieben arbeiten wir kontinuierlich daran, diese Themen weiter voranzubringen.
Unser gemeinsames Ziel sollte es sein, das Friseurhandwerk als attraktiven, kreativen und zukunftsfähigen Beruf sichtbar zu machen und zugleich die wirtschaftlichen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Betriebe ausbilden, investieren und Beschäftigung sichern können. Beides gehört untrennbar zusammen.
Da Sie in Ihrer Anfrage auch die Möglichkeit einer zusammenhängenden Stellungnahme angeboten haben, bitten wir darum, diese im Falle einer Veröffentlichung vollständig beziehungsweise in ihrem inhaltlichen Zusammenhang wiederzugeben.
Für Rückfragen oder einen weiterführenden Austausch stehen wir Ihnen selbstverständlich jederzeit gerne zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen
Bele Graniger“
COIFFO bleibt dran
Mit dieser offiziellen Stellungnahme liegen die Fakten und Argumente des Bundesverbandes auf dem Tisch. Unbeantwortet bleibt unterdessen weiterhin die Frage nach den Hintergründen auf regionaler Ebene im Fall Ayhan Saglam. COIFFO wird die Entwicklung und den Austausch zwischen Basis und Verbänden weiterhin unabhängig und lückenlos begleiten.


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